Unternehmen Herbststurm - Friensteiner-1908_neu

Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

Unternehmen „Herbststurm“

Der Beginn dieser Geschichte liegt einige Jahrzehnte zurück. Es war im Frühjahr 1968 als unser Klubfreund Klaus Augst mir von einem alten Gipfelbuch eines mir unbekannten Gipfels in der Böhmischen Schweiz erzählte. Sein Bruder Peter hat es  1967 auf dem Gipfel der „Schweifsternnadel“ im Balzhüttengebiet in der Böhm. Schweiz entdeckt. Es gab seit der Erstbesteigung im Jahr 1923 bis dahin nur ganz wenige Besteigungen dieses Gipfels.  Grund dafür war sicher seine abgelegene Lage und ein sehr  langer Anmarschweg.
Als ich mit Klaus bezüglich dieses Gipfels ins Gespräch kam, sagte er, wir könnten uns zusammen doch auch mal zu diesem Gipfel aufmachen und ihn besteigen. Wir hatten noch einen weiteren Klaus in unserem Klub. Es war Klaus Pfenniger, kurz „Pfeng“ genannt. Er wollte, wenn es dazu käme, auf alle Fälle bei einer Tour zur „Schweifsternadel“ dabei sein. Die Idee setzte sich in unseren Köpfen fest. Wie wir aber an unser Ziel gelangen wollten, war noch völlig unklar. Nur laufen kam nicht infrage, da der Weg dahin und auch wieder zurück viel zu weit war. Ein Auto hatte damals keiner von uns. Es keimte die Idee, eventuell mit einem Taxi von Sebnitz bis nach Daubitz in Böhmen zu fahren. Das Taxi sollte dort warten. Wir wollten zu dem Gipfel laufen, ihn besteigen und dann zurück nach Daubitz zum Taxi laufen und mit diesem wieder nach Hause fahren. Ich wollte mich beim Taxiunternehmen nach dem Preis befragen. Das tat ich auch. Damit war aber der Gedanke, ein Taxi zu nutzen, ein für alle Mal vom Tisch. Wir hätten damit eine Art Kahlschlag in unsren verfügbaren finanziellen Mitteln angerichtet.
Wir mussten wohl oder übel nach einer anderen, billigeren Transportmöglichkeit suchen. Kurz darauf hatte Klaus diese in Gestalt seines Schwagers Frieder aus Götha bei Bautzen gefunden. Frieder besaß einen PKW Marke „Moskwitsch“ und hatte sich bereit erklärt, mit uns diese „Fuhre“ zu machen. Somit konnte also die geplante Tour bei nächster Gelegenheit ins Auge gefasst werden.
Sonnabend, 16. Juni 1968. 7.30 Uhr starteten wir, Frieder als Autobesitzer und Fahrer, Klaus, Pfeng und ich in Richtung Daubitz in Böhmen. Dort kamen gegen 9,00 Uhr an. Klaus, der den Weg zum Ziel kannte, sagte, dass wir noch ein Stück weiter, in Richtung Khaa, zum Ausgangspunkt der Tour, bis auf den „Hemmehübel“ fahren müssen. Dort angekommen nahmen wir unsere Rucksäcke auf und machten uns auf den Weg. Die Rucksäcke ließen sich wieder tragen. Ich hatte ja, wie bei vielen Touren, die für mich Neuland waren, immer neben meinen Klettersachen auch das erforderliche Rüstzeug für eine sich eventuell ergebende Neutour mit im Rucksack. Das waren Hammer, ein Kronenbohrer, ein „Stochersch“ (dünner Metallstift zum verfestigen eines Ringes), ein Ring, Bleistreifen, eine kleine Kassette mit Halterung, Buch und Bleistift. Diese Dinge haben auch ihr Gewicht. Sie haben mir aber schon mehrfach gute Dienste geleistet. Klaus hatte mir ja schon vor der Tour gesagt, dass bei der Schweifsternnadel noch ein paar Felsen stehen, die sicher noch nicht alle bestiegen wurden.
Wolken haben wir an diesem Tag keine gesehen. Dafür haben wir aber die glühende Hitze bis auf´s Letzte auskosten dürfen (Temperatur im Schatten plus 30 Grad).
Nach fast zwei Stunden Fußmarsch kamen wir an der Schweifsternnadel an.
Zuerst galt unsere Aufmerksamkeit diesem Gipfel.
Klaus als Vorsteiger führte uns über den „Herbert-König-Weg“ (III) auf den Gipfel. Wir konnten die insgesamt 10. Besteigung dieses Gipfels seit der Erstbesteigung 1923 verbuchen. Auf dem „Herbert-König-Weg“ hatten wir die 7. Begehung. Da auf dem dritten Aufsieg, dem „Schartenweg“, (III von Peter Augst von 1967)noch keine zweite Begehung war, ergab sich dass der Weg der Erstbesteiger (der“ Alte Weg“ V) erst eine Wiederholung aufwies. Dieser „Alte Weg“ gab uns einige Rätsel auf, die wir nicht deuten konnten.
Nach der 10. Besteigung unsers Zieles stärkten wir uns alle erst einmal ordentlich. Danach führte uns Klaus zu einem nadelförmigen Felsen. Er sagte, dass diese Nadel bestimmt noch niemand bestiegen hätte. Andernfalls wären da sicher irgendwo Spuren erkennbar.
Diese formschöne Nadel wollten wir nun unbedingt besteigen. Eigentlich kam da nur ein Versuch aus der bergseitigen Scharte in Betracht. Als ich mich eingebunden hatte stieg ich zuerst von Klaus gesichert auf einen Block in der Schartenseite. Von da wollte ich über die linke Kante den Gipfel erreichen. Die Kante war relativ glatt und ungesichert. Beim ersten Versuch konnte ich von dem Block  nicht auf die Kante klettern. Die Sache war mir zu unsicher. Bei einem Sturz wäre ich sicher weiter runter, als bis in die Scharte geflogen. Ich entschloss mich deshalb vom Block aus, möglichst hoch einen Ring zu schlagen. Das tat ich dann auch. Ich war nun einigermaßen gesichert, an der Kante kam ich aber nicht weiter. Dazu kamen noch, durch die Hitze bedingt, feuchte Hände. Auch ein zweiter Versuch brachte mich nicht weiter. Er zeigte mir aber eine neue Möglichkeit auf, die mir erfolgversprechend erschien. Ich holt Klaus auf den Block. Er sollte mich beim nächsten Versuch, die Kante zu erreichen, leicht unterstützen. Dieser Versuch klappte auf Anhieb. Ich kam auf die Kante und erreichte auf ihr den Gipfel. Der war nicht gerade groß und hatte keine ebene Fläche. Eine Nadel hat ja nun oben keine ebene Fläche. Mit einem längeren Sackstich um die oberste Zacke sicherte ich mich erst mal. Ich wollte eine kleine, aber ausreichende, Abseilöse schlagen. Als ich mir den obersten halben Meter der Nadelspitze genauer ansah, war mir sofort klar, dass ich auf dieser fragilen, kleinen Spitze auf keinen Fall mit Hammer und Kronenbohrer eine Abseilmöglichkeit anbringen kann.
Mit einem kleinen Kronenbohrer bohrte ich auf einem schmalen Band etwa einen Meter unter der Nadelspitze ein Loch für die Halterung des Gipfelbuches, das wir hinterlassen wollten. An meinem Sackstich gesichert holte ich Klaus, unterstützt durch Pfeng auf den Gipfel. Pfenng musste aber warten, bis wieder einer den Gipfel verlassen hatte. Wir hatten das Gipfelbuch für Eintragungen vorbereitet. Schon als ich den Gipfel erreichte, habe ich meinen beiden Kameraden zugerufen: „die Nadel benennen wir natürlich nach unserem Klub und taufen sie „Friensteiner Nadel“. Sie waren ebenfalls meiner Meinung. Dieser Name und eine kurze Beschreibung des Aufstieges mit der Schwierigkeit wurden auf den ersten beiden Seiten des kleinen Gipfelbuches eingetragen. Bei der Einstufung der Schwierigkeit des Aufstieges entschieden wir uns einstimmig für V (fünf). Datum, Klubname und unsere beiden Unterschriften folgten. Danach seilte Klaus wieder am Doppelseil, das ich um die Spitze der Nadel gelegt hatte, ab. Anschließend erreichte Pfeng als unser dritter Mann von Klaus unterstützt den Gipfel. Vor lauter Freude schmetterte er nach seiner Eintragung einen Sängerspruch ins Tal, in den wir mit einfielen. Nach seiner Eintragung ins Gipfelbuch seilte er wie Klaus ab. Als Letzter  erreichte ich den Erdboden. Wir drei waren Glücklich über unseren Erfolg. Wenn der neue Gipfel auch kein Falkenstein ist, so ist er doch sehr formschön und man muss auch die Hände aus den Taschen nehmen, um ihn zu besteigen.
Inzwischen war es kurz 13.30 Uhr geworden. Nachdem wir uns nochmal gestärkt und unseren Durst gestillt hatten, ging es zurück in Richtung Auto, das wir nach knapp zwei Stunden erreichten. Wir waren alle total durchgeschwitzt und hatten auch nicht mehr die frischesten Beine aber wir freuten uns über unseren Erfolg.
Auf der Rückfahrt hielten wir an einer Furt durch die Kreibitzer Kammnitz an um uns mal abzukühlen. Das tat uns allen gut. Gegen 18.30 kamen wir wieder zu Hause an. Ein schöner
und erlebnisreicher Tag ging zu Ende. Wir hatten nicht nur einen neuen Gipfel gefunden und auch bestiegen. Wir konnten dabei auch unseren Kletterklub „Friensteiner“ 1908, dem ältesten Sebnitzer Kletterklub, wieder alle Ehre machen, in dem wir den neuen Gipfel „Friensteiner Nadel“ nannten.
Das gefiel aber nicht allen. Einige Zeit nach dieser Erstbesteigung meldete ich diese bei den Leuten, die bei uns für Aufnahme neuer Gipfel und Wege in den jeweiligen Kletterführer verantwortlich waren. Nach einigen Monaten erhielt ich dazu die Antwort, dass die Erstbesteigung des Gipfels anerkannt wurde. Gleichzeitig wurde mir aber auch mitgeteilt, dass der Name „Friensteiner Nadel“ nicht zu akzeptieren wäre. Begründung: Es ist nicht statthaft, Erstbesteigungen und Erstbegehungen nach Klubnamen zu benennen. Einen Kommentar dazu habe ich mir damals verkniffen. Zum Glück sind derartige Dinge heute nicht mehr reglementiert. Heute heißt der Gipfel wieder „Friensteiner Nadel“ und nicht mehr, wie einst verordnet „Stecknadel“.


Nun aber zur Gegenwart:

Am 11. August 2019 unternahmen Jens, Stegi und Schiffi eineTour ins Böhmische. Es ging zur „Friensteiner Nadel“ im Balzhüttengebiet der Böhm. Schweiz. Sie wollten sich Klarheit über den Gipfel verschaffen, den Klubmitglieder 51 Jahre früher erstmals bestiegen haben. Um dahin zu kommen, wurde von Hinterhermsdorf aus gelaufen. Der Rückweg erfolgte auf gleicher Stecke. Am Gipfel (Fuß des Felsens) angekommen, wurde dieser erst mal besichtigt. Im Laufe der Jahre sind noch zwei neue Aufstiege im siebenten Schwierigkeitsgrad dazu gekommen. Es sind „Alter Frechdachs“ VIIa von Karel Belina u. K. Hladik 1972 und „Direkter Talweg“ VIIb von Vaclav Sojka, M. Slof u. L. Zeman 1992. Diese beiden Wege führen aus dem Tal vom Fuße des Felsens auf den Gipfel.
Unsere Freunde bestiegen den Gipfel auf dem Weg „Alter Frechdachs“ mit AV. Aus dem Gipfel sahen sie, dass es inzwischen eine ordentliche, stabile AÖ gab, die etwa einen Meter unter der oberen Spitze auf einem schrägen Band sitzt. Ein Gipfelbuch war nicht mehr vorhanden. Lediglich ein verbogener dünner Eisenstift, an dem das GB vorher wahrscheinlich mal befestigt war. Das war Anlass genug für den vor Ort beschlossenen Plan. Es wurde festgelegt, dass eine Klubexpedition am 20. November 2019 (Bußtag) organisiert wird. Ziel dieser geplanten Tour war wieder ein ordentliches Gipfelbuch mit stabiler Kassette und Stütze auf diesem Klub-Gipfel zu installieren.
Erneut wurde die Tour in Hinterhermsdorf gestartet. Das Wetter am Bußtag war alles andere als schön. Starke Herbstwinde, ab und zu Nieselregen und niedrige Temperatur waren die Begleiter unserer „Klubjugend“ bei dem Unternehmen. Es wurde deshalb von mir als „Unternehmen Herbststurm“ betitelt.
Beim Hin- und Rückmarsch gab es diesmal keine Komplikationen, wie im August. Da waren unsere drei Freunde am „Schwarzen Tor“ den NP-Ranger direkt beim Durchwaten der Kirnitzsch in die Arme gelaufen. Zum Glück konnte man sich damals „verständigen“ und einigen, ohne Nachwirkungen erwarten zu müssen. Abgesehen davon war das Wasser der Kirnitzsch diesmal noch kälter, als im August.
Am Gipfel angekommen, ging es gleich ran. Carsten stieg vor und holte Schiffi gleich nach. Die erforderlichen Arbeitsgeräte wurden empor gezogen und Carsten begann, von Schiffi gesichert, mit der Arbeit. Schnell wurde mit der Bohrmaschine ein Loch für die Gipfelbuchstütze gebohrt. Diese wurde eingeklebt und nach kurzer Zeit hatte sich alles verfestigt und konnte in Anspruch genommen werden. Nun folgte, ähnlich wie bei der „Friensteiner Kette“ die Besteigung aller Beteiligten. Das geschah wegen Platzmangel immer im Wechsel von Aufstieg und Abseile. Der Reihe nach erreichten Carsten (Vorstieg), Schiffi,
Dietl, Toni, Jens, Bernd, Max, Lutz und Stegi den Gipfel.
Die Betreuung der Besteiger-Gruppe und Catering erledigten Barbara und Kathrin in bewährter Art. An der Tour waren insgesamt 11 Personen beteiligt, die alle ihr Bestes gegeben haben.
Im Vorfeld hatten wir alle Beteiligten an der Aktion zu uns auf den „Schanzenhof“ zu einem gemütlichen Ausklang eingeladen. Als die Akteure gegen 17.30 Uhr bei völliger Dunkelhei bei uns ankamen brannte schon ein schönes Feuer im Feuerkorb, auf dem Grill lagen die ersten Bratwürste (Reste vom Stiftungsfest), Kartoffelsalat, Brot und Bier warteten auf den Verzehr. Das feuchte, kühle Wetter tat dieser Zusammenkunft in keiner Weise Abbruch und störte nicht. Es wurde ein sehr schöner und auch lustiger Abend. Die letzten Gäste verließen uns gegen 22.30 Uhr. Damit war das Unternehmen „Herbststurm“ abgeschlossrn. Als dann das Gröbste aufgeräumt war, zogen auch wir uns in Haus zurück.


Gunter Seifert        
(Aufgeschrieben nach Aufzeichnungen
und
persönlichen Einnerungen im
November 2019)










das Ziel ist in Sicht
Carsten holt Schiffi mit dem Materialrucksack an die AÖ kurz unter dem Gipfel
Carsten setzt die neue Buchstütze ein und verfestigt sie


Dietl folg als dritter Mann
die neue Stütze mit Kassette und Buch
Gedränge auf der Nadelspitze
das neue Buch
die erste Eintragung
das Basislager
Ausklang im Schanzenhof
58 Ausklang im Schanzenhof
Ausklang im Schanzenhof
 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü